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La columna semanal de
Carlos Alberto Montaner

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“Se estima que su columna sindicada es leída por seis millones de personas. Sus opiniones hacen que tiemblen políticos en España y América Latina ... Mantendrá su posición como uno de los más respetados periodistas de la región”.
‘The Powerful 100’, Poder, marzo de 2003.

“His syndicated column is read by an estimated 6 million readers. His opinions make politician in Spain and Latin America tremble … He will maintain his position as one of the region’s most respected journalist”.
‘The Powerful 100’, Poder, March 2003.


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Rückkehr in das Reich der Inka

In Lateinamerika wollen Führer der Eingeborenen alles Westliche vernichten und zur vorneuzeitlichen Gesellschaft zurückkehren

von Carlos A. Montaner
Die Welt, 2003, 12, 24

Madrid -  Die Nachricht ging um die Welt. Mitte Oktober sah sich Boliviens Präsident Sánchez de Lozada im Angesicht einer riesigen Protestwelle, die Dutzende Menschen tot auf den Straßen zurückließ, zum Rücktritt gezwungen. Die Nachfolge trat sein Stellvertreter Carlos Mesa an, ein parteiloser Journalist und Historiker.

Bis hierhin klingen die Angaben geradezu langweilig. Bolivien ist ein unstetes Land, das im Verlauf seiner Geschichte ungefähr 200 gewaltsame Angriffe auf seine Regierungssysteme erleiden musste. Doch das Besondere an diesem neuerlichen Zusammenbruch ist, dass jene, die den demokratisch gewählten Präsidenten stürzten, Vertreter einer Volksbewegung sind, die aus der Mitte der eingeborenen Bevölkerung kommt. Damit handelte es sich hier um eine - ideologisch stimulierte - ethnische Revolte; eine explosive Mischung aus so genanntem Indigenismus und antiwestlichem Marxismus.

Auslöser waren die Pläne der bolivianischen Regierung, die Gasvorkommen des Landes über Chile in die Vereinigten Staaten zu exportieren, doch zwei sehr mächtige Führer der Eingeborenen stürmten die Straßen, auf den Zungen die gewohnten antiimperialistischen, vom Geist der Antiglobalisierung beseelten Reden. Diese beiden Führer - Evo Morales und Felipe Quispe - gehören dem Stamm der Aymara-Indianer an, die in der gesamten Andenregion, also auch in Ecuador und Peru, zu drei Vierteln jedoch in Bolivien leben.

Der 44-jährige Morales, Chef des Movimiento al Socialismo (Mas), ist Anführer der Kokabauern. Die von den Vereinigten Staaten durchgesetzte Politik, die Kokapflanzungen mit Pestiziden zu vernichten, empfinden die Bauern als Aggression gegen ihre Traditionen und ihre Lebensgrundlage. Morales ist ein Marxist mit bruchstückhaften Überzeugungen, die er vor allem Fidel Castro verdankt. Nach dem Rücktritt von Sánchez de Lozada reiste Morales umgehend nach Havanna, wo er jubilierend verkündete, dass "Lateinamerika sehr bald ein neues Vietnam für die Vereinigten Staaten sein wird". Seine sozialen Forderungen sind erwartbar: Der Staat soll private Unternehmen enteignen, Grund und Boden an die - vor allem eingeborenen - Bauern verteilen, das Preisniveau einfrieren, Löhne anheben, den Reichen und auch der Mittelschicht mehr Steuern aufbürden, Wohnraum zur Verfügung stellen und jedem Bürger freien Zugang zu Bildung und Gesundheit gewähren. Doch hier ist das Ende der Liste noch nicht erreicht. Ganz allgemein - und ohne dies näher zu definieren - fordert Morales, dass "die Kultur des Todes" durch die "Kultur des Lebens" ersetzt werden müsse.

Die Kultur des Todes ist der Westen. Die des Lebens ist, Evo Morales zufolge, die der eingeborenen Traditionen.

Ähnlichen Geistes, aber wesentlich radikaler ist Felipe Quispe. Seinen Radikalismus hat er bewahrt, seinen 61 Jahren zum Trotz und obschon aller Folter, die er von Hand der Militärs erleiden musste. Fünf Jahre saß Quispe in den Neunzigern in Haft, nachdem er die blutigen Revolten der Tupac-Katari-Guerilla angeführt hatte, die sich nach einem Eingeborenen benannte, der Ende des 18. Jahrhunderts die spanischen Herrscher bekämpfte. Quispe ist kein Sozialrevolutionär, sondern ein Rassenrebell. Er lässt sich mit "El Mallku" (der Kondor), anreden und träumt davon, den Ethnozid zu rächen, seine Komplizen - Weiße, Mestizen - gewaltsam zu vertreiben und ihnen eine 500-jährige Unterdrückung heimzuzahlen, die ihnen fremde Gesetze, fremde Götter und eine fremde Lebensweise in einer fremden Gesellschaftsordnung aufzwang. Quispe ist auch die Losung geschuldet, dass niemand Schuhe tragen dürfe, solange die Eingeborenen nur Sandalen besäßen.

Für Quispe ist Morales nur ein "Verräter", der nach den Regeln des Feindes spielt. Denn obwohl beide den Marxismus als Grundlage für sich reklamieren, sieht "El Mallku" die Wurzeln seiner Bewegung nicht in der Ideologie des deutschen Denkers, sondern im "Incanato", einer von ihm naiv idealisierten vorneuzeitlichen Gesellschaft, die weder auf Besitz noch Geld, sondern auf Tauschhandel basierte.

Die Konsequenz daraus ist tragisch: Evo Morales will in Bolivien einen modernen Kommunismus nach kubanischem Vorbild durchsetzen. Felipe Quispe will das archaische System der Inka wieder installieren.

Die Entwicklungen in Bolivien sind natürlich nicht neu. Sie sind sogar beinahe eine Wiederholung des Umsturzes in Ecuador im Jahr 2000. Dieser beinhaltete indes ein sehr gefährliches Element, nämlich die Kooperation der Eingeborenen mit den Militärs. In Peru sind die Zusammenhänge noch kurioser, denn es ist das einzige Land des Kontinents, in dem ein Nachfahre der Eingeborenen an der Spitze des Staates steht: Alejandro Toledo. Doch handelt es sich hier um eine Persönlichkeit, die auf höchstem Niveau gebildet ist, in Stanford studiert, in Kalifornien gelebt hat und nicht beabsichtigt, in die Vergangenheit der Inka zurückzukehren. Im Gegensatz zu Toledo und mit wachsendem Zuspruch stehen die Brüder und Heeresmitglieder Ollanta und Antauro Humala, die einst gegen Alberto Fujimori rebellierten und Peru jetzt in eine ähnliche ethnisch motivierte Rebellion führen wollen wie ihre Nachbarn.

Wie bei unbekömmlichen Drinks ist das Schlimmste an diesem politischen Gefüge ebenfalls die Mischung: die Utopie des "Indigenismus", das marxistische Kollektiv - eine weitere Form der Utopie -, der Militarismus und eine damit einhergehende Rechtfertigung der Gewalt. Genährt wird dieses durch zwei permanente Quellen des Chaos: Fidel Castros Kuba - immer bereit zum Angriff gegen jeden, der für Demokratie, freien Markt und gute Beziehungen zum Westen ist. Und durch Hugo Chávez, stets zur Verfügung, um mit seinen Petrodollars jedes Abenteuer zu finanzieren, das den Ausbau seines Bolivarianischen Kontinents fördern könnte.

Existiert zwischen diesen Bewegungen eine Koordinate? Zweifellos. Es ist das Forum von São Paulo, das seit seiner Gründung durch die brasilianische Gewerkschaft 1990 Dutzende Male Parteien und Gruppierungen der extremen Linken Lateinamerikas zusammengebracht hat. Charakterisiert wird das Forum vor allem durch seinen starken Antiamerikanismus. Bei diesen Zusammenkünften treffen nicaraguanische Sandinisten auf kubanische Kommunisten, Brasiliens Landlose debattieren mit den argentinischen Piqueteros und dem bekannten pittoresken Kapuzenmann, dem Subcomandante Marcos aus Chiapas. Marcos - der selbst aus einer weißen, kleinbürgerlichen Familie stammt, die eine Möbelhauskette besitzt - war übrigens der Erste unter den radikalen Köpfen, der den propagandistischen Wert des "Indigenismus" erkannte. Als er sich am 1. Januar 1994 mit Waffengewalt gegen die Regierung Salinas erhob, tat er das mit einem streng an Che Guevara orientierten Diskurs - den er umgehend abbrach, als er erkannte, damit nicht den mindesten Enthusiasmus zu wecken. Wenig später aber begann Marcos das Schicksal der Eingeborenen und ihre Leidensgeschichte zu thematisieren - mit riesigem Erfolg und einer nicht zu verachtenden Faszination, die er unter europäischen und nordamerikanischen Linken auslöste, die schon immer eine Schwäche für folkloristische Manifestationen hatten.

Das wirklich Traurige an der ganzen Situation ist indes die unbeschreibliche Armut, in der die Hälfte der Menschen in der Andenregion vegetiert, darunter 80 Prozent der Eingeborenen. Doch wird jeder Versuch, in die mythische Vergangenheit der Inkazeit zurückzukehren, niemals einen Schlussstrich unter die nie endenden Schwierigkeiten der Region ziehen können, sondern diese im Gegenteil noch potenzieren und die hungernde Bevölkerung zusätzlich strafen. Wenn dies geschieht, kann dem Desaster nur noch der blanke Horror folgen.

 

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