Rückkehr in das Reich der Inka
In Lateinamerika
wollen Führer der Eingeborenen alles Westliche vernichten und zur
vorneuzeitlichen Gesellschaft zurückkehren
von Carlos A. Montaner
Die Welt,
2003, 12, 24
Madrid - Die
Nachricht ging um die Welt. Mitte Oktober sah sich Boliviens Präsident Sánchez
de Lozada im Angesicht einer riesigen Protestwelle, die Dutzende Menschen tot
auf den Straßen zurückließ, zum Rücktritt gezwungen. Die Nachfolge trat sein
Stellvertreter Carlos Mesa an, ein parteiloser Journalist und Historiker.
Bis hierhin
klingen die Angaben geradezu langweilig. Bolivien ist ein unstetes Land, das
im Verlauf seiner Geschichte ungefähr 200 gewaltsame Angriffe auf seine
Regierungssysteme erleiden musste. Doch das Besondere an diesem neuerlichen
Zusammenbruch ist, dass jene, die den demokratisch gewählten Präsidenten
stürzten, Vertreter einer Volksbewegung sind, die aus der Mitte der
eingeborenen Bevölkerung kommt. Damit handelte es sich hier um eine -
ideologisch stimulierte - ethnische Revolte; eine explosive Mischung aus so
genanntem Indigenismus und antiwestlichem Marxismus.
Auslöser waren
die Pläne der bolivianischen Regierung, die Gasvorkommen des Landes über Chile
in die Vereinigten Staaten zu exportieren, doch zwei sehr mächtige Führer der
Eingeborenen stürmten die Straßen, auf den Zungen die gewohnten
antiimperialistischen, vom Geist der Antiglobalisierung beseelten Reden. Diese
beiden Führer - Evo Morales und Felipe Quispe - gehören dem Stamm der
Aymara-Indianer an, die in der gesamten Andenregion, also auch in Ecuador und
Peru, zu drei Vierteln jedoch in Bolivien leben.
Der 44-jährige
Morales, Chef des Movimiento al Socialismo (Mas), ist Anführer der Kokabauern.
Die von den Vereinigten Staaten durchgesetzte Politik, die Kokapflanzungen mit
Pestiziden zu vernichten, empfinden die Bauern als Aggression gegen ihre
Traditionen und ihre Lebensgrundlage. Morales ist ein Marxist mit
bruchstückhaften Überzeugungen, die er vor allem Fidel Castro verdankt. Nach
dem Rücktritt von Sánchez de Lozada reiste Morales umgehend nach Havanna, wo
er jubilierend verkündete, dass "Lateinamerika sehr bald ein neues Vietnam für
die Vereinigten Staaten sein wird". Seine sozialen Forderungen sind erwartbar:
Der Staat soll private Unternehmen enteignen, Grund und Boden an die - vor
allem eingeborenen - Bauern verteilen, das Preisniveau einfrieren, Löhne
anheben, den Reichen und auch der Mittelschicht mehr Steuern aufbürden,
Wohnraum zur Verfügung stellen und jedem Bürger freien Zugang zu Bildung und
Gesundheit gewähren. Doch hier ist das Ende der Liste noch nicht erreicht.
Ganz allgemein - und ohne dies näher zu definieren - fordert Morales, dass
"die Kultur des Todes" durch die "Kultur des Lebens" ersetzt werden müsse.
Die Kultur des
Todes ist der Westen. Die des Lebens ist, Evo Morales zufolge, die der
eingeborenen Traditionen.
Ähnlichen
Geistes, aber wesentlich radikaler ist Felipe Quispe. Seinen Radikalismus hat
er bewahrt, seinen 61 Jahren zum Trotz und obschon aller Folter, die er von
Hand der Militärs erleiden musste. Fünf Jahre saß Quispe in den Neunzigern in
Haft, nachdem er die blutigen Revolten der Tupac-Katari-Guerilla angeführt
hatte, die sich nach einem Eingeborenen benannte, der Ende des
18. Jahrhunderts die spanischen Herrscher bekämpfte. Quispe ist kein
Sozialrevolutionär, sondern ein Rassenrebell. Er lässt sich mit "El Mallku"
(der Kondor), anreden und träumt davon, den Ethnozid zu rächen, seine
Komplizen - Weiße, Mestizen - gewaltsam zu vertreiben und ihnen eine
500-jährige Unterdrückung heimzuzahlen, die ihnen fremde Gesetze, fremde
Götter und eine fremde Lebensweise in einer fremden Gesellschaftsordnung
aufzwang. Quispe ist auch die Losung geschuldet, dass niemand Schuhe tragen
dürfe, solange die Eingeborenen nur Sandalen besäßen.
Für Quispe ist
Morales nur ein "Verräter", der nach den Regeln des Feindes spielt. Denn
obwohl beide den Marxismus als Grundlage für sich reklamieren, sieht "El
Mallku" die Wurzeln seiner Bewegung nicht in der Ideologie des deutschen
Denkers, sondern im "Incanato", einer von ihm naiv idealisierten
vorneuzeitlichen Gesellschaft, die weder auf Besitz noch Geld, sondern auf
Tauschhandel basierte.
Die Konsequenz
daraus ist tragisch: Evo Morales will in Bolivien einen modernen Kommunismus
nach kubanischem Vorbild durchsetzen. Felipe Quispe will das archaische System
der Inka wieder installieren.
Die
Entwicklungen in Bolivien sind natürlich nicht neu. Sie sind sogar beinahe
eine Wiederholung des Umsturzes in Ecuador im Jahr 2000. Dieser beinhaltete
indes ein sehr gefährliches Element, nämlich die Kooperation der Eingeborenen
mit den Militärs. In Peru sind die Zusammenhänge noch kurioser, denn es ist
das einzige Land des Kontinents, in dem ein Nachfahre der Eingeborenen an der
Spitze des Staates steht: Alejandro Toledo. Doch handelt es sich hier um eine
Persönlichkeit, die auf höchstem Niveau gebildet ist, in Stanford studiert, in
Kalifornien gelebt hat und nicht beabsichtigt, in die Vergangenheit der Inka
zurückzukehren. Im Gegensatz zu Toledo und mit wachsendem Zuspruch stehen die
Brüder und Heeresmitglieder Ollanta und Antauro Humala, die einst gegen
Alberto Fujimori rebellierten und Peru jetzt in eine ähnliche ethnisch
motivierte Rebellion führen wollen wie ihre Nachbarn.
Wie bei
unbekömmlichen Drinks ist das Schlimmste an diesem politischen Gefüge
ebenfalls die Mischung: die Utopie des "Indigenismus", das marxistische
Kollektiv - eine weitere Form der Utopie -, der Militarismus und eine damit
einhergehende Rechtfertigung der Gewalt. Genährt wird dieses durch zwei
permanente Quellen des Chaos: Fidel Castros Kuba - immer bereit zum Angriff
gegen jeden, der für Demokratie, freien Markt und gute Beziehungen zum Westen
ist. Und durch Hugo Chávez, stets zur Verfügung, um mit seinen Petrodollars
jedes Abenteuer zu finanzieren, das den Ausbau seines Bolivarianischen
Kontinents fördern könnte.
Existiert
zwischen diesen Bewegungen eine Koordinate? Zweifellos. Es ist das Forum von
São Paulo, das seit seiner Gründung durch die brasilianische Gewerkschaft 1990
Dutzende Male Parteien und Gruppierungen der extremen Linken Lateinamerikas
zusammengebracht hat. Charakterisiert wird das Forum vor allem durch seinen
starken Antiamerikanismus. Bei diesen Zusammenkünften treffen nicaraguanische
Sandinisten auf kubanische Kommunisten, Brasiliens Landlose debattieren mit
den argentinischen Piqueteros und dem bekannten pittoresken Kapuzenmann, dem
Subcomandante Marcos aus Chiapas. Marcos - der selbst aus einer weißen,
kleinbürgerlichen Familie stammt, die eine Möbelhauskette besitzt - war
übrigens der Erste unter den radikalen Köpfen, der den propagandistischen Wert
des "Indigenismus" erkannte. Als er sich am 1. Januar 1994 mit Waffengewalt
gegen die Regierung Salinas erhob, tat er das mit einem streng an Che Guevara
orientierten Diskurs - den er umgehend abbrach, als er erkannte, damit nicht
den mindesten Enthusiasmus zu wecken. Wenig später aber begann Marcos das
Schicksal der Eingeborenen und ihre Leidensgeschichte zu thematisieren - mit
riesigem Erfolg und einer nicht zu verachtenden Faszination, die er unter
europäischen und nordamerikanischen Linken auslöste, die schon immer eine
Schwäche für folkloristische Manifestationen hatten.
Das wirklich
Traurige an der ganzen Situation ist indes die unbeschreibliche Armut, in der
die Hälfte der Menschen in der Andenregion vegetiert, darunter 80 Prozent der
Eingeborenen. Doch wird jeder Versuch, in die mythische Vergangenheit der
Inkazeit zurückzukehren, niemals einen Schlussstrich unter die nie endenden
Schwierigkeiten der Region ziehen können, sondern diese im Gegenteil noch
potenzieren und die hungernde Bevölkerung zusätzlich strafen. Wenn dies
geschieht, kann dem Desaster nur noch der blanke Horror folgen.
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