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La columna semanal de
Carlos Alberto Montaner

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“Se estima que su columna sindicada es leída por seis millones de personas. Sus opiniones hacen que tiemblen políticos en España y América Latina ... Mantendrá su posición como uno de los más respetados periodistas de la región”.
‘The Powerful 100’, Poder, marzo de 2003.

“His syndicated column is read by an estimated 6 million readers. His opinions make politician in Spain and Latin America tremble … He will maintain his position as one of the region’s most respected journalist”.
‘The Powerful 100’, Poder, March 2003.


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Südamerika: Drei Krisen und ein Todesfall

Von Carlos Alberto Montaner
Die Welt, 2002-03-02

Politische Instabilität und häufige Wirtschaftskrisen sind seit dem Entstehen der ersten Republiken Anfang des 19. Jahrhunderts kennzeichnend für Lateinamerika. Der entscheidende und ausdauerndste Charakterzug jedoch ist das permanente Auseinanderdriften, an dem unsere Staaten und unsere Gesellschaft leiden. Das Volk fühlt sich von den staatlichen Institutionen weder verstanden noch verteidigt. Es nimmt die Regierungen - fast immer und mit Recht - als Gegner, als Ausbeuter wahr, korrupt und betrügerisch, weshalb die Bürger sämtliche Loyalität auf die eigene Familie und ihr privates Umfeld beschränken. Es gibt keine klare Vorstellung davon, was die Verantwortung eines Bürgers ist, einfach, weil der Staat systematisch versagt hat.

Der jüngste Fall ist der Argentiniens (vor ein paar Jahren war es noch Brasilien, das sich gezwungen sah, seine Währung um 50 Prozent abzuwerten). Und gerade fünf Jahre ist es her, dass der mexikanische Präsident Ernesto Zedillo - ein wirklich fähiger Wirtschaftsmann - seinen nordamerikanischen Nachbarn um einen Kredit von mehreren Hundert Millionen Dollar bitten musste, um den Verpflichtungen, die sich aus seinen internationalen Schulden ergaben, nachkommen zu können.

Morgen wird Venezuela das Land sein, das unter Führung von Hugo Chávez in eine Katastrophe abstürzen wird - obwohl diese wahrscheinlich kleiner sein wird als jene, die Kolumbien erwartet, wenn dessen nächste Regierung (die Wahlen finden im Mai statt) weiter unfähig den Massakern und brutalen Entführungen der kommunistischen Drogenguerilleros und ihrer rechtsextremen Widersacher zusieht.

Argentinien und seine zerlumpten Regierungen

Die häufigste Erklärung für das jüngste argentinische Desaster ist die hohe Auslandsschuld des Landes - 150 Milliarden Dollar -, die eine unbezahlbare Zinssumme hinter sich herschleift. Aber sie ist falsch. Vor dem Hintergrund eines Bruttoinlandsprodukts von 300 Milliarden Dollar war die Schuldsumme nicht exzessiv. Das Problem lag ganz woanders: im unverantwortlichen Anstieg der öffentlichen Ausgaben und der Inanspruchnahme ausländischer Kredite, die wiederum mit den Gewinnen aus staatlicher Privatisierung beglichen wurden.

Es ist auch nicht zutreffend, dass der Fall Argentiniens exemplarisch für den Zusammenbruch liberaler oder gar "neoliberaler" (ein heutzutage absolut negativ besetzter Begriff) Wirtschaftsideen sei. Argentinien handelte richtig, als es die ruinösen Staatsunternehmen privatisierte und ein Currency Board einrichtete, um seiner gering geschätzten Währung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Was hier jedoch ein weiteres Mal schief lief, war der Keynesianische Versuch, die Wirtschaft durch enorme öffentliche Ausgaben und ein wachsendes Haushaltsdefizit in Schwung zu bringen. Als die Regierung 1991 mit ihren Reformen begann, lagen die Ausgaben der öffentlichen Hand bei 32 Milliarden Dollar; im Jahr 2000 waren sie bereits bei 81 Milliarden angelangt, obwohl sich das Bruttoinlandsprodukt nur verdoppelt hatte.

In groben Zügen ist das die technische Seite des Konfliktes. Doch lässt diese Perspektive den wichtigsten Punkt außer Acht: das Ignorieren grundsätzlicher Normen der Marktwirtschaft. Als sich die internationalen Gläubiger die makroökonomischen Daten Argentiniens näher ansahen, erkannten sie sofort die Alarmsignale - was sich in höheren Zinsen niederschlug. Eine goldene Regel der freien Marktwirtschaft: Misstrauen ist teuer. Eine nicht endende Spirale also, an deren Ende nur der Bankrott stehen konnte.

Die aber vielleicht wichtigste Lektion, die Argentiniens Führer lernen müssen, ist, dass das marktwirtschaftliche System auf der Einhaltung von Gesetzen und Vereinbarungen basiert und - will man wohlhabend und effizient sein - in der vorsichtigen Handhabung seiner öffentlichen Politik. Dies nämlich erst schafft Vertrauen in ein Land und seine Gesellschaft. Und Vertrauen erlaubt, langfristig zu planen, während es gleichzeitig Sparsamkeit, Investitionen und wachsende Kapitalisierung fördert. Insofern ist es die erste Aufgabe von Präsident Eduardo Duhalde (wenn er es schafft, sich an der Macht zu halten), sowohl das Ausland als auch sein eigenes Volk mit nachvollziehbarer Planung zu beruhigen. Was vor Argentinien liegt, ist also nicht nur eine Aufgabe für Wirtschaftsexperten, sondern auch für Psychologen.

Kolumbien: eine Reliquie des Kalten Krieges

13 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und eine Dekade nach dem Verschwinden der Sowjetunion scheint es unfassbar, dass kommunistische Guerilleros - die sich durch eine unheilvolle Kombination aus Drogenhandel, Entführungen und Erpressung finanzieren - noch immer davon träumen, die Macht an sich zu reißen, um das von Karl Marx ersonnene Paradies aufzubauen. Doch genau das ist in Kolumbien der Fall. Die rund 20 000 Guerillakämpfer der Farc und Eln haben ihr totalitäres Projekt noch immer nicht aufgegeben. Es ist richtig, dass in Kolumbien ein ungerechtes Verteilungssystem vorherrscht, und es stimmt, dass die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Zutreffend ist weiterhin, dass die herrschende politische Klasse umfassend korrumpiert ist. Die Guerillas aber wollen dieses kläglichen Zustands nicht durch demokratische Mittel, ehrliche Administration oder eine freie Marktwirtschaft Herr werden, sondern indem sie die "bourgeoise", dem US-Imperialismus verschriebene Regierung militärisch vernichten, um im selben Atemzug dem Model der kubanischen Diktatur nachzueifern, von dessen Vorteilen, Wohltaten und moralischer Überlegenheit sie tief überzeugt sind.

Und sie nähern sich ihrem Ziel unaufhörlich. Ganz langsam, Maos und Ho Chi Minhs "Taktik des verlängerten Volkskrieges" folgend, zwischen Militäroffensiven, Terroranschlägen und vorgetäuschten Friedensgesprächen wechselnd, gewinnen sie an Boden. Aber was schwerer wiegt: Sie haben Respekt und politische Legitimität erlangt. Die Guerilla-Chefs reisen - mit dem stillschweigenden Einverständnis der bolivianischen Regierung - durch Europa, und einige Staatskanzleien behandeln sie gar wie Kriegsführer. Keiner scheint sich daran zu erinnern, dass sie - gemeinsam mit den rechtsextremistischen Paramilitärs - die Verantwortung für 6000 Entführungen und 30 000 Morde pro Jahr tragen - eine Abschlachtung, die über die Gräueltaten des jetzt vor dem Haager Tribunal angeklagten Slobodan Milosevic weit hinausgeht.

Venezuela in den Klauen des "Verrückten"

Als Oberst Hugo Chávez 1999 seiner vorhergegangenen Staatsstreiche zum Trotz (oder eben gerade dank dieser) an die Macht gelangte, standen 80 Prozent der Venezolaner hinter ihm, während ihn die anderen 20 aus tiefstem Herzen verabscheuten. Vereinfacht gesagt war dies eine Frage der Klasse. Die niederen sozialen Schichten - und damit die immense Mehrheit - unterstützten Chávez, während die Mittel- und Oberschicht ihn ablehnten. Heute sind die Verhältnisse genau umgekehrt: 80 Prozent der Bevölkerung wenden sich gegen den Präsidenten und kaum 20 befürworten ihn noch, was bedeutet, dass gerade die verarmte Bevölkerung die Seiten gewechselt hat.

Die Unternehmen, die katholische Kirche, die Gewerkschaften, die Intellektuellen und Künstler, sogar die Studentenvertretungen - die eigentlich die Vorreiter bei allem sind, was nach Revolution riecht - wollen Chávez nicht haben. Warum? Weil sie jeglichen Respekt vor ihm verloren haben. Sie sehen in ihm nicht den charismatischen Führer, der mit Würde und Sinn regiert, sondern einen armen Scharlatan, der stundenlang ohne Punkt und Komma redet, der singt (und er singt schlecht!), sich verkleidet, Baseball spielt (auch das sehr schlecht) und jeden beleidigt, der sich nicht unterordnen will. Abgesehen von diesen pittoresken Zügen - die ihm den Titel "el loco", der Verrückte, eingebracht haben - hat die venezolanische Presse sowohl die ausufernde Korruption bloßgestellt, von der die gesamte Regierung unterwandert ist, als auch die Verbindungen zwischen Chávez' Regime und der kolumbianischen Drogenmafia.

Diesem deprimierenden folkloristischen Panorama (im Übrigen ein sehr typisches für Länder der Dritten Welt) ist natürlich die Wirtschaftskrise zuzufügen: Unzählige Unternehmen sind in den Bankrott geschliddert mit der Folge eines massiven Exodus von Kapital und Arbeitskräften. Die Einkünfte aus dem zuletzt gestiegenen Erdölexport sind von einem Staat zunichte gemacht worden, der von Tag zu Tag mehr ausgibt und sich immer weniger Mühe gibt, die obskure Handhabung seiner Gelder zu vertuschen.

Chávez ist eine Mischung zwischen Gaddafi und Fidel Castro mit ein paar Tropfen des Argentiniers Perón. Sein Ziel ist die Schaffung einer Gesellschaft ohne jedwede demokratischen Institutionen und in der sich der Privatbesitz auf sehr kleine familiäre Einheiten beschränkt. Eine vollkommene wirtschaftliche Gleichschaltung, die von einem militärisch und wirtschaftlich starken Staat kontrolliert wird, gestützt auf die Vereinigung von Führer und Masse.

Um dies zu erreichen, muss Chávez mit dem Morden beginnen. Doch sein Problem ist, dass er kein Terrorregime wie Gaddafi in Libyen und Castro auf Kuba aufbauen kann. Es wird ihm auch deshalb nicht gelingen, weil ihn die Armee, die in 40 Jahren ununterbrochener Demokratie zu einem stabilen Organ geworden ist, bei seinen totalitären Abenteuern nicht begleiten wird, und ohne sie ist eine Diktatur nicht möglich. Zugleich wird Tag für Tag die Zahl der Menschen größer, die einen "demokratischen Putsch" - größter aller Widersprüche - fordern, der die Regierung vernichtet und Neuwahlen möglich macht. Wird das passieren? Möglicherweise wird es den einen oder anderen Versuch geben. Es kursiert zudem ein haarsträubendes Szenario, das einige Analysten vorhersagen: Chávez, der vor einem Zusammenprall mit seinem eigenen Militärapparat steht und beim Volk in absolute Ungnade zu fallen droht, könnte einen Zwischenfall mit Kolumbien provozieren, um den Konflikt zu internationalisieren, und sich auf einer künstlich stimulierten Welle nationalistischer Gefühle retten.

Kuba wartet auf eine Leiche

Die Geschichte Kubas ist stehen geblieben, um auf eine Leiche zu warten. Mit Ungeduld harren die Kubaner des Todes von Fidel Castro. Sie hoffen, dass in Kuba dasselbe passieren werde wie nach dem Tod Francos in Spanien oder Salazars in Portugal. Nach monumentalen Beisetzungsfeiern wird sehr schnell der Versuch beginnen, Kuba an eine Realität anzupassen, die für den Stalinismus wenig Sympathien aufbringt. Dieses Datum scheint nicht mehr weit. In den letzten zehn Jahren hat der 75-jährige Castro mindestens drei Schlaganfälle erlitten. Die mexikanischen Politiker, die ihn beim Amtsantritt von Vicente Fox vor einem knappen Jahr trafen und ihn jetzt beim Besuch auf Kuba Anfang Februar wiedersahen, waren entsetzt über den unübersehbaren physischen und mentalen Abbau des "Máximo líder". Nichtsdestotrotz und zur Verzweiflung seiner Zuhörer hält Castro weiter seine stundenlangen Reden - jetzt allerdings mit langsamer, brüchiger Stimme, mit der er seine Ideen kaum zu Wörtern formen kann.

Der nahende Tod Fidels betont die Müdigkeitssymptome und Unordnung im kubanischen Staatsapparat. Selbst sein designierter Nachfolger Raúl Castro weiß, dass Fidel zwar Macht, aber keine Autorität vererben wird. In vertikal aufgebauten, totalitären Staaten kommt es gewöhnlich zu einer brutalen Wende, wenn die Person verschwindet, die das System nährt und diszipliniert. Raúl ist weder besonders populär noch beliebt, nicht einmal innerhalb der Armee. Er ist 61 Jahre alt und leidet auf Grund seiner Schwäche für alkoholische Getränke an einer Leberzirrhose. Die Kubaner schätzen die Lage so ein, dass er die Umwälzungen nach dem Tod seines Bruders entweder mit brüllender Stimme anführt oder aber von anderen zivilen und militärischen Kräften - die sich bisher aus Angst Fidel gebeugt haben - hinweggefegt wird.

Die Hoffnung heißt Chile

Gibt es also im gesamten Panorama Lateinamerikas keinen Hoffnungsschimmer? Doch, es gibt ihn, und er heißt Chile. Mit einem Prokopfeinkommen von 12 400 US-Dollar - dem höchsten des Kontinents -, einer Inflation von unter drei und einer Arbeitslosenquote von zehn Prozent stützen sich die Chilenen auf ein solides wirtschaftliches und politisches Fundament. Aufgebaut haben sie dies durch eine gesunde Haushaltsführung, eine ausgeglichene Steuerpolitik, beschleunigte Marktöffnung, eine behutsame Verwaltung der Geldmenge, Privatisierung - und ehrliche Administration. Gleichzeitig ist der Anteil der armen Bevölkerung von 42 auf 20 Prozent gesunken. Es ist eben nicht eingetroffen, was Kritiker rechts und links der politischen Mitte prophezeiten: dass die Marktliberalisierung kleine und regionale Unternehmen in den Ruin treiben würde. Vor Beginn der Reformen gab es in Chile gerade einmal 200 Exportfirmen - jetzt sind es über 2000, und Chile ist zu einem ernst zu nehmenden Exportfaktor herangereift.

Doch genauso wichtig wie die Veränderungen im Wirtschaftssektor sind die in der Politik. Und damit komme ich zum Anfang zurück: In Chile ist eine Versöhnung zwischen Regierenden und Regierten gelungen. Die Chilenen haben begonnen, an ihre staatlichen Institutionen zu glauben, sie haben sich - von einigen unverbesserlichen Pinochet-Anhängern und hilflosen Kommunisten - in echte Demokraten verwandelt, zutiefst davon überzeugt, dass es zur liberalen und pluralistischen Republik, gepaart mit der freien Marktwirtschaft, keine Alternative gibt. Zu eben jener Formel, die heute die 20 reichsten und glücklichsten Länder der Erde unterschreiben. Wenn es seinen Vorwärtsdrive nicht verliert, wird Chile die erste Nation Lateinamerikas sein, die zu dieser mystischen Welt zählt - und das innerhalb der nächsten zehn Jahre. Dieses Exempel wird von enormer Tragweite sein: Wenn es die Chilenen konnten, dann können es die anderen auch.

Aus dem Spanischen von Stefanie Bolzen
Datum: 2002-03-02

Der Autor

Carlos Alberto Montaner wurde 1943 in Havanna auf Kuba geboren. Als Jugendlicher saß er aus politischen Gründen mehrere Monate im Gefängnis. Seit 1970 lebt er in Madrid. Er arbeitet als Schriftsteller und freier Journalist und lehrt an Universitäten in Lateinamerika und den USA. Die Tageszeitung "Cambio 16" bezeichnete ihn als "den meist gelesenen spanischsprachigen Kolumnisten". Montaner ist Präsident der Unión Internacional Cubana, die Interessen von Exil-Kubanern in aller Welt vertritt, und gilt als einer der herausragendsten Gegner Fidel Castros. Sein letztes Buch, "Las raíces torcidas de Latinoamérica" (Die zermalmten Wurzeln Lateinamerikas) erschien 2001.

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