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Madrid - Mit Blick auf die seit Wochen anhaltenden Proteste erstaunt, welche Ruhe in Bolivien trotz allem noch herrscht. Seit der 1825 erklärten Unabhängigkeit hat das Land fast 200 Umstürze und Putschversuche aushalten müssen. Vielleicht ist dies auf die Künstlichkeit seines historischen Ursprungs zurückzuführen. Vielleicht auch auf die verworrene Zusammensetzung jener Elemente, die das Land ausmachen: eine unmögliche Geographie sowie mehrere, sich feindlich gegenüberstehende Ethnien. Vor allem aber auf mindestens drei gegensätzliche Visionen der Realität, die jede für sich eine unterschiedliche Interpretation der Geschichte und vollkommen auseinander driftende Auffassungen zulassen, wie die Zukunft Boliviens zu gestalten sei. Zum besseren Verständnis ein paar Daten. Das Land, mit einer Fläche von 1,1 Millionen Quadratkilometern mehr als dreimal so groß wie Deutschland, wird von lediglich neun Millionen Menschen bewohnt, die sich zwischen dem Altiplano - dem Hochland auf 3500 Meter Höhe -, mittleren Klimazonen und tropischen Dschungelgebieten verteilen. Die ethnische Aufteilung ist ungefähr folgende: 55 Prozent Indios - Quechua und Aymara -, rund ein Drittel Mestizen und 15 Prozent Weiße. Selbstverständlich sind diese Gruppen nicht hermetisch verschlossen, es ist sogar eine substantielle Zahl von sozial und wirtschaftlich integrierten Indios unter den Mestizen, teilweise auch unter den Weißen zu finden. Und obwohl mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Armut leben, liegt die Alphabetisierungsrate bei 87 Prozent. Auch 1,5 Millionen Handys und eine starke ökonomische Aktivität in unternehmerischen Enklaven wie der Provinz Santa Cruz widerlegen das Klischee vom vollkommen unterentwickelten Land. Tatsächlich lebt ein Drittel der Bolivianer - ob reich, arm oder Mittelklasse - ganz selbstverständlich in der Welt des 21. Jahrhunderts. Ein weiteres Drittel aber lebt mental in einer diffusen Vergangenheit, verblendet von Legenden, verbittert durch den Groll. Dazu kommt ein weiteres Drittel, das rebellische, gefangen in kommunistischem Aberglauben, das das bolivianische Volk nach Marxschen Idealen einen und umbauen will, zusätzlich angespornt durch das pittoreske Chaos des Castrochavismus. Wollte man diesen drei Gruppen Namen geben, so lauteten diese Jorge, Felipe und Evo. Der erste ist Jorge Quiroga, ein 44jähriger Industrieingenieur, der seinen Abschluß mit Auszeichnung an einer Universität in Texas machte. Nach dem Tod von Präsident Hugo Banzer übernahm Quiroga 2001 für ein Jahr das Amt des Staatschefs. Quiroga ist prowestlich, Anhänger einer freien Marktwirtschaft und einer Öffnung Boliviens für internationale Investoren, womit eine Integration in die globale Finanzwirtschaft einherginge. Er ist damit die Hoffnung jener in Bolivien, die von einer Nation träumen, die sich nach dem Beispiel des chilenischen Nachbarn der ersten Welt zumindest annähern - und keinesfalls von ihr abwenden will. Der zweite Name verkörpert den Traum des radikalen Indigenismus: Felipe Quispe, Aymara-Führer des Movimiento Indígena Pachakutik, Ex-Guerillero, wegen Terrorismus mehrfach inhaftiert. Quispe ist von der Überzeugung getragen, daß sich seine Ethnie - zwei Millionen Aymara, die zum Teil auch in Peru und Ecuador leben - mit den Quechua, also weiteren drei Millionen Indios, vereinen müssen. Sein Ziel ist die Zerstörung der weißen und republikanischen Institutionen, die noch aus spanischer Kolonialzeit stammen, und die durch ein präkolumbianisches Modell ersetzt werden, in dem es weder Privatbesitz gibt noch Geld, das nur den solidarischen Tauschhandel vernichtet hat. Ein Modell, in dem es schließlich auch keine merkwürdigen demokratischen Praktiken gibt, welche nur die Imperialisten erfinden konnten. Quispe glaubt an den Kommunismus, wenn auch nicht den im Sinne Marx', sondern an jenen, der zu Inkazeiten in den Anden gelebt wurde. Noch hat Quispe nicht erkennen lassen, ob ihm auch die Vernichtung alles Christlichen und mithin Spanischen vorschwebt. Aber die Logik seiner Ideen läßt eine fürchterliche Konfrontation vorausahnen. Käme Quispe an die Macht, wäre Boliviens Ende polpotianisch. June 14, 2005 Imprimir esta página
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