Der Fanatiker und der Ganove
Morgen
wird Fidel Castro 80 Jahre alt. Während er dahinsiecht, wagt sich sein
Bruder Raúl aus Angst vor dem
Diktator nicht zu rühren
Von Carlos Alberto Montaner
Die Welt, 2. August 2006
Mit größtem Aufwand hatte Fidel Castro die Feiern zu seinem 80. Geburtstag
vorbereitet, die morgen, am 13. August, hätten stattfinden sollen.
Offizielle Bekanntmachungen sprachen von "Tausenden internationalen Gästen",
die nach Kuba kommen würden. Dieser Sonntag sollte Fidels Apotheose werden,
bei der der Held in den Zustand der Göttlichkeit übergeht. Doch Fidel sollte
es nicht vergönnt sein, zum Gott zu werden, ihm kamen einige Darmdivertikel
dazwischen, mutiert in kleine und sehr gemeine Geschwüre, die so heftige
Blutungen auslösten, dass die Ärzte Kubas Staatspräsidenten einer Not-OP
unterziehen mussten. Angesichts seines Alters ein sehr risikoreicher
Eingriff; doch ihn nicht durchzuführen hätte das sichere Todesurteil
bedeutet.
Von diesem Moment an begannen verdächtige Winkelzüge. Unmittelbar nach der
Operation übertrug Fidel - selbstverständlich nur "vorübergehend", wie die
offizielle Verlautbarung ein halbes Dutzend Male betont - die Macht seinem
jüngeren Bruder Raúl. Einem 75-jährigen, whiskeyabhängigen General, der
Hahnenkämpfe und schmutzige Witze liebt. Kurz danach bereits ließ Havanna
verlautbaren, dass sich der Comandante zügig von dem Eingriff erhole.
Zugleich wurde sein Gesundheitszustand als "Staatsgeheimnis" deklariert, um
"dem Yankee-Imperialismus keine Vorlage zu bieten". Damit überließ man
Fidels Zustand jenen Spekulationen, die Kuba bis in den letzten Winkel
heimsuchten. Manche hielten den Comandante bereits für tot. Andere, die der
Wirklichkeit wahrscheinlich näher sind, prognostizieren eine extrem
langwierige und schmerzhafte Rekonvaleszenz, die ihm die erforderliche
physische Kraft zur Rückkehr an die Macht nehmen werde. Die Öffentlichkeit
bekam weder Fotos noch offizielle Erklärungen der Ärzte. Man verheimlichte
das sehr wahrscheinliche Bild eines wehrlosen alten Mannes, der an
Schläuchen hängt und in einem peinlichen Krankenhaus-Pyjama die Marter
unerträglicher Bauchschmerzen ertragen muss.
Währenddessen hat Bruder Raúl die totale militärische Kontrolle Kubas inne.
Das mag wohl zutreffen - doch besitzt er damit noch lange nicht Fidels
Charisma, noch verfügt er über die gleichen Beziehungen zum Apparat.
Traditionell trennen die Experten das Militär in Fidelisten und Raúlisten,
doch besteht ein weiterer fundamentaler Unterschied: Die Fidelisten fühlen
sich dem Máximo Líder total ergeben, was auf die absolute Anerkennung von
dessen fast übermenschlicher Führerschaft zurückgeht. Es ist dies Loyalität
nicht gegenüber dem Vaterland oder der Revolution oder einer wahnsinnigen,
von der Realität widerlegten Ideologie - sondern Loyalität gegenüber einem
unverwüstlichen Führer. Eine animalische, rational nicht begründbare
Verbindung.
Die Raúlisten hingegen wissen genau, dass der kleine Bruder ein kleiner
fehlbarer Mann ist, mit Schuppen und Mundgeruch, ohne weltbewegende Vision
der Geschichte und seiner selbst, ohne besondere Attribute. Fidels Castrismo
ist Höhepunkt aller Heldenepen. Der Raúlismus dagegen nichts weiter als ein
System bürokratischer und ökonomischer Ganovenschaft, das allein der
Privilegienerhaltung dient.
Doch sind dies nicht die einzigen Unterschiede. Fidel wusste eine ganz
eigene Art der Herrschaft zu errichten, die sich auf seine streitsüchtige
Natur und seinen Instinkt für Inszenierung stützt. Während all der Jahre,
fast 50 sind es bereits, hat er sich mit der ganzen Welt überworfen und zum
Teil wieder versöhnt und jede Auseinandersetzung zu nationalen Kreuzzügen
erhoben, die in nicht endenden Paraden kulminierten, bei denen erschöpfte
und schwitzende Kubaner paarweise Appelle wiederholen und Fähnchen schwenken
durften. Dies ist für Fidel, dessen Intellekt nie über studentisches
Geschwätz hinausgekommen ist, die Form des idealen Regierens: Tumulte
veranstalten, ohrenbetäubende Proteste und Selbstinszenierung. Während
seiner ersten großen Ansprache, unmittelbar nach dem Triumph der Revolution,
setzte sich eine weiße Taube anmutig auf seine Schulter, einer göttlichen
Segnung gleich.
Ganz anders Raúl. Wortkarg und sehr rational, redet er nur kurz, und falls
eine Taube an ihm vorbeiflöge, ließe sie höchstens ihren Kot auf seinen Kopf
fallen. Raúl würde auch niemals Argentiniens Ex-Präsident Duhalde einen
Stiefellecker nennen oder José María Aznar einen Clown. Raúls Berufung sind
Befehl und Effizienz. In den 80er-Jahren verliebte er sich in das
chinesische Reformmodell und verordnete in einigen Sektoren die Schaffung
von Firmen nach kapitalistischen Kriterien. Fidel aber, der halsstarrige,
vom Egalitarismus überzeugte Kollektivist, zwang ihn sehr schnell, diese
Flausen aufzugeben. Mit Sicherheit träumt Raúl jetzt davon, eben diese alten
Projekte wiederaufzunehmen.
Die Ironie freilich ist, dass heute keiner von beiden regiert. Fidel kann
nicht, weil er mittels Sonden ans Krankenbett gefesselt und zum Schweigen
verdammt ist, eine schreckliche Qual für jemanden, der an chronischer oraler
Inkontinenz leidet. Raúl aber ist genauso unfähig zum Regieren, denn er darf
keinerlei Initiative ergreifen, die den Prinzipien seines Bruders
zuwiderliefe. Er ist gelähmt, und darum ist kein Wort von ihm zu vernehmen
und wagt er auch nicht, öffentlich die Macht zu übernehmen oder gar erste
Anweisungen zu geben und sein persönliches Konzept für die Lösung der
allgegenwärtigen Konflikte anzuwenden.
Raúl hat keine Angst vor den Reaktionen der Yankees, sondern vor Fidel. Vor
dem gnadenlosen und jähzornigen Bruder, der den Jüngeren jede Minute des
gemeinsamen Lebens einzuschüchtern versuchte und ihn jetzt durch den Nebel
seiner Schmerzmittel hindurch beobachtet. Raúl ist sich bewusst, dass ein
falscher Schritt mit der definitiven Versetzung in den Ruhestand oder
anderen offenkundig entwürdigenden Maßnahmen bestraft würde, sollte der
Comandante die Krise überstehen.
Somit stehen wir nicht vor einer Übergangsregierung, sondern in einer
Sackgasse. Raúl bereitet sich auf die Übernahme der Macht vor, doch damit
diese vonstatten gehen kann, muss er zunächst vor den Fernsehkameras die
Todesnachricht seines Bruders verlesen. Und es gibt überhaupt keine
Möglichkeit vorauszusagen, wann dies der Fall sein wird. Raúl ersehnt und
fürchtet Fidels Tod zugleich. Er ist in diesen Tagen der traurigste und
ängstlichste Mensch auf Kuba.
Der auf Kuba geborene Autor schreibt für zahlreiche internationale Blätter
Artikel erschienen am Sa, 12. August 2006
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